Tag 31

Ich habe großes Glück mit dem nächtlichen Regen, denn ich habe mein Lager gut gewählt und liege ziemlich geschützt unter den Bäumen. Zudem lässt er dann doch noch so frühzeitig nach, dass meine Plane schon wiedergetrocknet ist, als ich morgens anfange, meine Sachen zusammen zu packen – das ist wichtig für mich, denn ansonsten müsste ich zusehen, wie und wann ich das tagsüber hinbekomme; mit einer nassen Plane einen Unterschlupf zu bauen, stelle ich mir nicht so einfach vor.

Kurz nachdem ich vor vier Wochen meine Reise begonnen hatte, bekam ich eine Nachricht von Kirsten Stein: sie kenne sich auf dem Ochsenweg, den ich am Ende laufen wolle, ganz gut aus, das wäre ihre Heimat und sie würde mich dort gerne ein Stück begleiten.
Als ich gestern so langsam in die Nähe dieses Weges kam, meldete ich mich bei ihr und obwohl sie mitten in umfassenden Renovierungsarbeiten steckt, möchte sie auf jeden Fall an diesem Morgen zu mir stoßen. Obwohl sie ziemlich weit fahren muss…
Während ich also allmählich mein Lager abbaue, sucht Kirsten anhand meines What’s App-Standortes, den ich ihr geschickt hatte, meinen Lagerplatz

Das ist nicht ganz einfach, denn da ich immer befürchte, dass es mal jemand nicht so gut mit mir meint, wenn er mich aufstöbert, “verstecke” ich mich regelrecht. Da ich aber weiß, dass sie kommt, entdecke ich sie irgendwann und durch mein Zurufen findet Kirsten dann auch zu mir – und darf mir gleich beim Abbau helfen 
Dann fragt sie mich, ob ich gerne duschen würde, sie hätte da eine Möglichkeit bei ihren Eltern – und da ich nie weiß was kommt, nutze ich natürlich jede Gelegenheit, die sich mir bietet. Gesagt – getan, wir steigen ins Auto, fahren los…. und erst jetzt, während der Fahrt, bekomme ich im Gespräch mit Kirsten so richtig mit, dass ihre Eltern in Kropp wohnen, dass wir um die 40 km fahren, um dorthin zu kommen und dass die heutige Strecke von ihr zu Hause bis zu ihren Eltern und auch wieder zurück, in etwa 300 km betragen! Ich bin mal wieder ein bisschen fassungslos – 300 km um mir eine heiße Dusche zu verschaffen und ein bisschen mit mir zu laufen!?

Letztendlich kommen aus dieser tollen Aktion eine Dusche und ein leckeres Frühstück bei Kirsten’s lieben Eltern auf der gemütlich überdachten Terrasse heraus. Da es immer wieder regnet und Kirsten durch ständige Anrufe von zu Hause – wo ja kleines Chaos herrscht – keine wirkliche Ruhe bekommt, entscheidet sie sich schweren Herzens gegen den Lauf und wir verabreden statt dessen, wo sie mich wieder aussetzen kann. Da Kropp mir ein bisschen zu weit ist, möchte ich wieder ein Stück mit zurück – aber zuvor fährt Kirsten’s Vater mit uns an den Ochsenweg, da es dort eine Schautafel gibt und wir hoffen, auf dieser in einem der Orte einen Anschlussweg für mich zu entdecken. Das ist leider nicht der Fall und so düsen wir einfach auf gut Glück los – denn irgendwo werde ich ja wohl jemanden finden, den ich danach fragen kann…. Gerade die älteren Leute wissen so etwas doch immer….

Kirsten setzt mich ein ganzes Stück weiter nördlich von meinem letzten Lagerplatz ab, wir verabschieden uns innig und dann marschiere ich wieder los. Unterwegs versuche ich auf meinem Handy heraus zu finden, in welche Richtung ich denn nun gehen muss – denn mit dem Durchfragen hat sich das ganz schnell erledigt: erstens ist es Sonntag und zweitens schüttet es zwischendurch wie aus Eimern – da draußen treibt sich niemand herum – weder jung noch alt.

Es ist richtig kalt – gestern hatte ich zum ersten Mal meine warme Jacke an – und heute muss ich auch noch zusätzlich meine Regenjacke anziehen. Es ist nicht nur kalt und regnerisch, es weht auch eine ordentlich steife Brise und so manches Mal muss mich richtig dagegen stemmen.

Da ich immer noch nicht weiß, wo ich den Zugang zum Ochsenweg finde, entscheide ich mich, erstmal Richtung Schleswig zu laufen – morgen kann ich dort sein und werde garantiert auf jemanden treffen, der mir mit einem Wegweiser weiter hilft.

Als ich beginne, mich nach einem geeigneten Platz für die Nacht umzusehen, stelle ich fest, dass das dieses Mal schwierig wird – kaum fester Baumbestand, alles immer nur so einzelne Reihen – für mich nicht geeignet.

Irgendwann schlage ich mich in ein Birkenwäldchen auf einem ziemlich unwegsamen Gelände – nicht die beste Wahl, aber mir bleibt nichts anderes übrig…..

Es regnet ununterbrochen und ich baue so schnell wie möglich auf. Später telefoniere ich mit Silvia aus Flensburg – denn es stellt sich langsam die Frage, wann ich wohl dort eintreffe; ich bin trudel ja viel früher ein, als ursprünglich geplant….

Ich sage: “Vielleicht Dienstag Abend oder im Laufe des Mittwoch.” Silvia antwortet: “Das Wetter wird richtig übel, ich kann dich auch holen. Auch jetzt schon…”
Aber ich denke einfach, dass es nicht so schlimm wird und wir verabreden, dass ich mich Montag einfach nochmal melde…

Ich ahne nicht, was diese Nacht auf mich zukommt… Meine Reise nähert sich mit Riesenschritten ihrem Ende..,

Kirsten muss helfen…

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