Tag 30

Es kommt wie es kommt….

Tatsächlich fällt es mir immer schwerer, Abschied zu nehmen und aufzubrechen…
Den halben Samstagmorgen daddel ich rum – schaue wo ich lang gehen muss, kriege meine Mails nicht an Eric raus und telefoniere mit ihm rum, frühstücke lange und packe noch länger meine sieben Sachen…aber irgendwann will ich die Zeit nicht mehr schieben und ich verabschiede mich ganz herzlich von Susi, während Dirk mich per Auto noch etwas weiter Richtung Kellinghusen schubst.
Übrigens Susi: Du hast gesagt, dass du mir kein 5-Sterne-Hotel bieten kannst – ich antworte dir: “Wenn ich Sterne will, bleibe ich im Wald. Wenn ich Freundschaft brauche, komme ich zu Menschen wie euch.”

Als ich Kellinghusen dann durchquere, treffe ich auf eine Frau, so um die Mitte 70, die mich noch im Nachhinein ziemlich verblüffte: Auch sie fragt mich nach dem woher und wohin mit diesem riesigen Rucksack und ich erzähle es ihr. Dass ich ohne Geld unterwegs bin, will ihr ja nun gar nicht in den Kopf und sie beginnt sofort in ihrer Jackentasche zu kramen. Ich wehre gleich ab – ich brauche kein Geld und meine Freunde hätten auf ein kleines Notgeld bestanden und davon hätte ich noch genug und überhaupt…..Sie lässt sich nicht stören, kramt weiter und mit einem: “Wusste ich doch, dass die da noch drin waren”, streckt sie mir ein 2 Eurostück entgegen. Ich sage nochmal: “Das ist total nett von ihnen, aber…..” Sie fragt: “Was würden sie sich jetzt am liebsten kaufen?” Mir fallen dazu ganz spontan Äpfel ein und die Frau sagt mir, dann solle ich mir davon eben 2 oder 3 Stück kaufen. Himmel! Ich erkläre ihr nochmal, dass ich es nicht mehr weit habe bis zu meinem Ziel, dass ich bis jetzt fast mein ganzes Notgeld noch habe und dass ich auch bis zum Ende nichts mehr brauchen werde…Die Frau nimmt meine Hand, legt das 2Eurostück hinein und sagt: “Das, mein liebes Mädchen, können sie nicht wissen.”

Ich nehme also das Geld und mache genau das was ich gesagt habe: Bei der nächsten Gelegenheit kaufe ich mir Äpfel… als ich einen türkischen Obstladen entdecke und meine  2 Äpfel und einen Pfirsich bezahle, fragen mich die Inhaber des Ladens was ich denn mit diesem riesigen Rucksack so treibe. Und während ich wieder meine Geschichte erzähle, lässt sich die Mama nicht stören und wiegt und packt und tütet allerhand Leckereien ein… die sie mir dann mit einem freundlichen Lächeln überreicht!! Ich bin ganz platt: aber ich kann doch nicht…. das ist viel zu viel… da esse ich ja 3 Tage von… wie soll ich das denn noch verstauen? Doch da hilft alles nix: ich kann, ich muss und ich werde! So!
Zum Dank kann ich nur noch ein Foto machen und hoffen, dass das hier auf Facebook jemand in der Nähe von Kellinghusen sieht und immer ordentlich bei Familie Can einkauft!!

Ich mache mich mit all meinen tollen Sachen auf, in den Naturpark Aukrug und folge dort den Wegen durch diese wunderschöne Waldlandschaft. Es gibt dort winzige Niederlassungen, die durch schmale, aber dennoch gut befahrbare Waldwege miteinander verbunden sind – aber natürlich fahren da kaum Autos… Ich erzähle euch das, weil – folgendes:
Bei einer Bank schmeiße ich meinen Rucksack ab, packe meine Sachen aus, um etwas zu essen und denke; “Hm…hier kannste schnell mal ins Gebüsch – einfach mal fix am Wegesrand – kommt ja eh keiner … Ich hatte die Buxe fast unten, höre ich, wie etwas hinter der Kurve regelrecht angebraust kommt – ich reiße mir in der Eile die Hose fast bis unter die Achseln – da ist das Auto auch schon vorbei..du meine Güte!
Okay- nächster Versuch… Buxe runter…das gleiche in Grün!! Ja, gibts denn das?? Wir sind doch hier nicht auf’m Hauptbahnhof! Na gut, zwei Autos- da kann jetzt nix mehr kommen- war ja stundenlang vorher auch nix…dritter Versuch… Ich bin schon ganz hektisch, denn man will sich ja einfach nicht überraschen lassen… Aber dieses Mal kommt es ganz dicke!: ich bin fast in Position, als ich nicht nur das fette Brummen eines Motors höre, sondern auch sofort das Anstimmen eines  Martinshorns!! Ich kippe vor Schreck fast hintenüber – Tatsächlich braust da ein Feuerwehrauto an mir vorbei!! Mitten im Wald mit Martinshorn… Danach habe ich mir einen anderen Platz gesucht.

Später irgendwann, als ich langsam anfange an einen Lagerplatz zu denken, fällt mir ein, dass ich meine Duschflaschen noch gar nicht gefüllt habe – Mist! Aber ich entscheide, dass es dann heute eben mal so gehen muss; meine Trinkflasche ist ganz voll – das muss reichen. Keine halbe Stunde später hält ein Auto neben mir, mit der übliche Frage – woher und wohin. Ich sage – alles Richtung Hollenstedt.. der Fahrer nickt – er könne mich zwar nur 3-4 km mitnehmen, aber wenn’s recht sei … Es ist.
Was Gunnar, der nette Fahrer aber nicht weiss: als er mich wieder absetzt, deutet er auf einen 6er Pack Wasser und fragt, ob ich eine mitnehmen will. Und ich will.
Danke Gunnar! Falls du das hier mal liest – denn PC’s und Handys sind dir ja ein Greuel :-)

Dann suche ich mir im Dickicht eines Waldstücks meinen Unterschlupf und liege bald zufrieden unter meiner Plane.

Was ich da noch nicht weiß: es regnet die ganze lange Nacht und ich muss immer wieder gucken und fühlen, ob alles trocken und sicher unter meinem ” Dach” liegt.

Es gibt Schlimmeres.
Eure Sabine

Foto 2