Tag 28

Es ist schon bald Mittag, als Volker mich nach Buxtehude bringt, wo ich über den Deich bis nach Cranz laufen will. Darauf freue ich mich ganz besonders, denn zum einen stelle ich mir das einfach schön vor und zum anderen bringt mich dieser Weg direkt bis an die Elbe! Ich bin Hamburg schon so nah – ich kann’s fast riechen

Ich möchte auch nur die 11km über den Deich machen und mir dann auf dieser Seite der Elbe einen Unterschlupf suchen. Wenn ich mit der Fähre ‘rüber setze, habe ich noch ganz Blankenese vor mir und wer sagt, Hamburg habe keine Berge, der fahre mal dorthin – in Blankenese geht es ordentlich auf und ab. Jedenfalls möchte ich mir das heute nicht mehr antun und da wir am Vorabend so lange “geklönschnackt” haben und wir so spät los sind, ist das eine gute Entscheidung.
Ich werde also abgesetzt – ganz lieben Dank nochmal für deine herzliche Gastfreundschaft, Volker! -und dann nehme ich meine Wanderung über den langen Deich auf.

Der Deich verläuft entlang der Este, die im 11 km entfernten Cranz, das übrigens schon zu Hamburg gehört, in die Elbe fließt. Ich könnte auch entlang der Landstraße bis dorthin laufen, aber das faszinierende für mich ist, dass dieser Deich sich komplett durch die Ortschaften schlängelt, durch die ich bis Cranz noch hindurch muss. Manchmal ganz nah an der Este, manchmal etwas entfernt, schaue ich immer von oben auf die Felder, Gärten und Häuser herab – und manchmal steht so ein Haus auch plötzlich mitten AUF dem Deich und ich laufe praktisch durch den Vorgarten, um dem Weg folgen zu können. In den winzigen Orten, wie zB. Estebrügge, steht das halbe Dorf da oben drauf! Ich bekomme das erst gar nicht mit und frage bei einer Bäckersfrau, wo der Deich denn weiterführt – vielleicht wieder hinterm Dorf oder aber über die Brücke rüber, die da ist… – und sie schaut mich freundlich lächelnd an und sagt: “Sie stehen drauf.”
Verdutzt spähe ich die Strasse runter und da erst fällt mir auf, dass alle Häuser auf dieser Seite wesentlich höher stehen als auf der anderen – und von der Straße führt immer eine Treppe zum jeweiligen Haus hoch. Dieses Mal mag ich es, durch eine Ortschaft zu laufen – so sehr fasziniert mich das Ganze!
Zu beiden Seiten der Estebrücke stehen die Häuser ganz dicht am Fluss – wenn man dort zum Kaffeetrinken auf der Terrasse sitzt, sitzt man quasi direkt am Wasser! In einem Garten sehe ich eine Plattform mit einem Kran – die hieven sich ihr Boot von der Terrasse direkt auf den Fluss!

Ich befinde mich jetzt im Alten Land und links und rechts erstrecken sich immer wieder große Plantagen mit herrlichen Apfelbäumen und hin und wieder sehe ich auch noch vollhängende Pflaumenbäume. Es ist schön hier, aber ich glaube, ich bekomme ein Problem:
Ich kann nirgends etwas entdecken, wo ich heute Nacht mein Lager aufschlagen könnte.. Entweder sind ringsherum Felder oder aber große Gärten.. alles sieht irgendwie “genutzt” aus und ich befürchte, wenn ich auf dieser Seite übernachten will, muss ich ein etliches Stück die Elbe wieder ‘raufgehen, um eine geeignete Stelle zu finden. Zwischendurch ist mir aufgefallen, dass ich mein Ladekabel vom Handy bei meinem Herbergsvater vergessen habe und Volker war, nach einem Anruf, genialerweise sofort bereit, mir das Teil nach Cranz nachzubringen – ich muss den Deich jetzt so oder so bis zum Ende laufen und kann mich erst dann um meine Übernachtung kümmern. Ich weiß nur, dass ich es nicht schaffen werde, heute noch auf der anderen Seite der Elbe durch Blankenese zu laufen – mein Fuß macht das nicht mit.

Freunde – wo kommen Eingebungen her oder was hat es mit dem Bauchgefühl auf sich? Ich krame mein Handy raus, weil ich in meine Nachrichten bei FB schauen möchte – Karin Bressner hatte mir vor 2 Tagen eine zukommen lassen, aber ich hatte sie noch nicht gelesen – diese liebe Kollegin hatte mich schon einmal angetickert / wenn ich in der Nähe der AB Hamburg-Hannover wäre, könne ich bei ihr um Hilfe rufen…. —-und das könnt ihr mir jetzt glauben oder nicht: Erst JETZT, eben gerade, beim Schreiben dieses Berichtes, habe ich die komplette Nachricht, die sie mir dann nochmal per PN über Facebook geschickt hatte, gelesen!!!
Den Text zeige ich euch gleich…. Ich schnappe mir also mein Handy, suche nach Karin’s Nummer und rufe sie an. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht die geringste Ahnung wo sie wohnt oder arbeitet…Nach dem ersten Aufschrei: “SABINE!”, kommt sofort ein: “Ja mei, wo steckst du denn?” (Die süddeutsche Abstammung ist nicht zu überhören  ). Ich sage wo ich bin und noch, bevor ich überhaupt etwas erklären kann, kommt ein: “Ich bin fast um die Ecke – ich hole dich!” ????? “Wie jetzt – echt??” Ich fühle mich tatsächlich überrumpelt, könnt ihr euch das vorstellen?? Der Volker kommt noch und bringt mir mein Kabel und ich habe die Elbe noch nicht gesehen! Karin – du kannst noch nicht so schnell ‘randüsen… Sie lacht, fragt was ich noch brauche und wir machen eine Zeit aus, wann wir uns treffen.
Der Text, den sie mir geschickt hatte, lautet: “Bist du an der Elbe, bringe ich dich mit dem Auto ‘rüber, außer du bevorzugst Schwimmflügel,” ……… Karin, wenn du das hier liest – ich habe das tatsächlich nicht gewusst!! Ich hatte noch im Kopf: wenn du in der Nähe der Autobahn Hamburg/Hannover bist………

Ich bekomme also mein Ladekabel wieder, werde zum allerersten Mal nass geregnet (ich musste noch nie bei Regen laufen!) und stehe endlich an der Elbe!

Dann kommt Karin angedüst, ich verabschiede mich noch einmal von Volker und Hund Louis – natürlich mit dem Versprechen, die beiden nächstes Jahr auf meiner “Engeltour” zu besuchen – und schon rausche ich durch Hamburg. Karin möchte mir noch so gerne etwas Gutes tun und lädt mich zu einer leckeren Pizza ein – nachdem wir ein Nobelrestaurant fluchtartig verlassen haben , kauft mir Brötchen, Äpfel und eine neue Zahncreme und dann suchen wir für mich einen Lagerplatz – was sich als nicht so einfach heraus stellt.
Immer ist irgend etwas in der Nähe, wo mir zu viele Menschen sind – und da weiß ich nie, wie die reagieren, wenn sie mich entdecken. Deshalb fahren wir ein bisschen weiter raus – wir sind in der Nähe von Pinneberg und dort finde ich endlich ein gutes verstecktes Plätzchen. Karin schlägt sich mit mir durch das Dickicht, um sich selbst zu überzeugen und nach drei skeptischen Blicken auf Bäume, Waldboden und Geäst, verabschieden und drücken wir uns und ich sehe zu, dass ich endlich in die Waagerechte komme.
Heißen Dank, Karin Bressner, dass du mich an der Elbe “gerettet” hast 
Eure Sabine

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