Tag 26

Der eine Tag so, der nächste wieder ganz anders….

Dienstag morgen verabschiede ich mich von meinen “Gasteltern”, Petra und Marcel, die mich so einfach und unkompliziert aufgenommen haben, obwohl sie durch ihren Hausbau jetzt auch nicht gerade sehr viel Zeit haben – ganz ganz lieben Dank nochmal!! – und mache mich mit dem Plan wie ich denn nun laufen muss – wieder auf den Weg ( auch daran hatte Britta gedacht und mir diesen mitgebracht ).
Das Wetter ist toll zum Laufen – nicht so heiß, wie immer die Tage davor – und ich denke, dass ich Donnerstag an meinem nächsten Ziel bin, wo ich vielleicht wieder unterkommen kann. Meine Freundin, Sabine Breda, hat über eine weitere Freundin, die dann auch wieder jemanden kennt, eine Adresse dort…

Ich gehe so vor mich hin, mein Kopf geht seine eigenen Wege und irgendwann – ich bin schon lange ‘raus aus dem Ort und schon zwei Dörfer weiter, kann ich endlich von der Straße abbiegen und befinde mich urplötzlich in einem richtig schönen und irgendwie gepflegten Waldgebiet. Als ich in der Ferne die großen aufgeschichteten Holzstämme sehe, mache ich, dass ich da hinkomme, um eine Rast einzulegen.
Ich mache es mir gemütlich, esse etwas und mache mich weiter mit meinem neuen Wegeplan, der mich nach Tostedt führen soll, vertraut. Insgesamt ist es nicht mehr weit bis Buxtehude und von dort aus habe ich nur noch einen Katzensprung bis zur Elbe – endlich! Die Elbe bedeutet für mich irgendwie die letzte Grenze vor meinem endgültigen Ziel – obwohl ich, außer den Grenzen im meinem Kopf, ja gar keine hatte..
Vielleicht ist es aber auch die Nähe zu meiner alten Heimat, die mich so erwartungsfroh macht – einige der Städtenamen auf den Schildern sagen mir auch endlich mal was und ich bin nicht mehr ganz so orientierungslos wie zu Beginn meiner Reise :-).

Ich würde meine Umgebung bestimmt noch mehr genießen, hätte ich nicht immer wieder mal dieses blöde Schmerzempfinden, dass sich zwischenzeitlich im linken Oberschenkel bemerkbar macht.., als ich bei Frau Kleiber auf der Massageliege lag, hatte sie ihn schon ordentlich bearbeitet – heute könnte ich das schon wieder gebrauchen :-)

Aber wie es so ist: während ich so überlege, ob ich mich jetzt mal langsam auch die Socken mache, hält auf einmal ein Auto an – das Seitenfenster fährt ‘runter und jemand fragt: “Darf ich mal fragen was das für eine Tour ist, die sie da machen? Ich habe sie schon auf Visselhövede ‘rauslaufen sehen”. Ich erkläre, woher und wohin und dass die Tour auf FB verfolgbar ist und es kommt ein: “Aaah, dafür die Solarzellen.” :-) Ich glaube, die interessieren immer erstmal am meisten, aber das ist auch verständlich – läuft ja nicht jeder mit etwas auf dem Rücken herum, was andere auf dem Dach haben…
Werner und ich halten ein nettes Pläuschchen so mitten in der Pampa, ich bekomme noch einige von seinen Tomaten geschenkt, die er gerade von einem Hof geholt hatte und dann fragt er mich, ob er mich ein Stückchen bringen kann – “ja klar, so’n paar Kilometerchen wären nicht schlecht” – und so düst der nette Werner mit mir auf Umwegen, die er mit dem PKW machen muss, letztendlich 6 km weiter und bringt mich exakt wieder an meine Route zurück. Das war eine nette kleine Aktion! Besten Dank, Werner! :-)
Etwas ausgeruhter geht’s weiter, allerdings ist jetzt wieder Straße angesagt – nicht so viel befahren und daher nicht ganz so anstrengend – aber das wäre mir dann auch fast zum Verhängnis geworden: ich achte nicht so sehr auf den Verkehr, habe den Kopf meist unten und bemerke das Auto erst sehr spät.. die Straße ist frei und er könnte ausweichen, aber vielleicht hat der Fahrer gerade sein Handy in der Hand – ich mache einen Satz zur Seite, auf den Grünstreifen, das linke Bein rutscht unter mir weg und in eine Erdkuhle, ich kippe etwas vornüber, der Rucksack haut mich nach
links und der rechte Fuß bleibt irgendwo stecken und und kann mir nicht so richtig folgen..
Es tut an mehreren Stellen gleichzeitig weh – und ich verharre einfach ganz still ein paar Sekunden und versuche heraus zu finden, ob da jetzt gerade was Schlimmes passiert ist. Gleichzeitig denke ich einfach nur: “Das glaub ich jetzt nicht.”
Nach einer Weile, als ich meine Knochen alle wieder sortiert habe, mache ich mich wieder auf den Weg – aber das Ganze fühlt sich nicht gut an. Es ist nix kaputt, jedenfalls nicht richtig – aber dieses Gezerre gerade, merke ich ganz deutlich.

Ich komme durch den Ort ” Grauen” und denke, “Passt! Blöder Mist – hier bleibe ich bestimmt nicht.” Aber zum ersten Mal auf dieser Tour ist mir kalt, ich fühle mich zerschlagen, der linke Oberschenkel mag es gar nicht, wenn meine Trinkflasche gegen ihn schlägt und ich möchte gerne meinen Kopf ausschalten.   Aber am liebsten möchte ich mich nur noch hinlegen. Ich sehe zu, dass ich weiter komme – ich will wenigstens noch ein, zwei Dörfer weiter, dann meine Duschflaschen voll machen und zusehen, dass ich einen Lagerplatz finde. An einer Landstraße kann ich  gut rechts, ein ganzes Stück neben der Fahrbahn auf dem Radweg gehen. Oder humpeln – wie Britta sagt – oder eiern, wie sie es im Glücksgarten genannt haben. Ich habe den Kopf unten und versuche im “Laufmodus” zu bleiben – das heißt, einfach gehen-ohne zu denken. Zwischendurch immer mal kurz hoch gucken, damit man nicht irgendwo gegen rennt – mitten auf dem Radweg stehen ja auch immer irgendwelche Sachen ‘rum… Klar.
Hm… da steht ein Auto auf der rechten Spur und blinkt; “Man, der kann doch nicht einfach mitten auf der Straße stehen bleiben!”  Dreißig Schritte weiter: “Jetzt fährt der auch noch rückwärts! Ja, Mensch, was macht der denn?” Zwanzig Schritte weiter: “Da guckt ein kleiner Junge ganz interessiert zu mir herüber- meinen die vielleicht mich??”
Ja, sie meinen mich!
Wohin ich wolle ….

Alles was mich Richtung Tostedt bringt – vielleicht Fintel- das ist hier gleich .. .
Nein, er wolle nach Buchholz – andere Richtung / obwohl / hm / er könne auch über Tostedt / ja klar, geht …,
Und so komme ich statt in 2 Tagen in einer halben Stunde nach Tostedt – ich verspreche dem Kleinen dafür, ihm meine Fussballbilder zu schicken und für Andreas, dem hilfreichen Audifahrer! :-) muss ich dann unbedingt einen Helferbutton mit einpacken – den habe ich vergessen, ihm zu geben!
In Tostedt frage ich mich durch, wie ich am besten nach Buxtehude komme und lasse an einer Tanke meine Duschflaschen auffüllen. Ich will nur noch einen Lagerplatz finden – inzwischen kann ich den rechten Schuh am Fuß nicht mehr ertragen! Nur noch raus aus Tostedt… aber da gibt es nichts für mich- nur plattes Land..  In der Ferne ein paar Bäume – ich muss dorthin und “eiere” los. Die Entfernung zieht sich, ich kriege langsam Panik, dass ich das nicht schaffe und schwöre mir selbst, dass ich den ganzen nächsten Tag im Lager bleibe und keinen einzigen Meter gehe…die Bäume, die ich so fern gesehen hatte, stehen im nächsten Dorf.. d.h. Ich muss weiter..wieder raus aus dem Ort… Irgendwann entdecke ich hinter den riesigen Maisfeldern endlich das was ich gesucht habe – erst einen Tannenwald, der aber zu “dünn” ist – da kann man “durchgucken” und ich muss mind. 2 Tage lagern, da ist mir das zu kritisch – aber direkt dahinter noch einen dichteren Laubwald! Inzwischen heule ich leise vor mich hin – ich kann nicht mehr!
Als ich endlich aus dem Schuh ‘raus komme — kennt ihr noch das Gefühl, wenn euch als Kinder die Füße “eingefroren” waren und wenn die dann wieder “auftauen”? –so ungefähr fühlt sich das an und ich bin heilfroh, als ich endlich mit Lagerbau fertig bin, mich lang machen kann und weiß: “Morgen keinen Meter!”

Eure Sabine

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