Benagil_Cave,_Algarve

Eine Reisegeschichte….oder – Meine ungewöhnliche Reise mit Mary …..

…eine wahre Geschichte :-)

wolkenmeer
Mary war damals war 75 Jahre alt und sie hatte nur selten einen Ort außerhalb ihres eigenen Heimatdorfes gesehen.
Als wir dann unsere kleine Reise machten und ich begann, die Welt durch ihre alten Augen zu betrachten, bemerkte ich kleine Wunder, die mir bisher verborgen geblieben waren.

Ich selbst war früher sehr viel gereist, wollte alles entdecken und war unglaublich neugierig – doch wie das so ist – man trifft Entscheidungen, die das Leben auf einmal anders laufen lassen. Nicht schlechter, aber anders als eigentlich gedacht.
Das Reisen hängte ich damals für lange Zeit an den Nagel, meine Weitsicht schrumpfte etwas zusammen und das Leben wurde ein klein wenig enger.
Eingebettet in einem Kokon aus Familie, Job und Nachbarschaft, begann ich mit der Zeit, kaum noch etwas zu hinterfragen. Ich ärgerte mich nur manchmal über Kleinkram und die schlechten Nachrichten aus aller Welt. Vielleicht fand ich auch noch den letzten Elternabend blöd oder irgendein Gerede ging mir auf den Keks.
Ich hatte mich eingerichtet in dieser Welt und mir ging es gut..

Was ich nicht bemerkte, war die Selbstverständlichkeit, die sich in mein Leben schlich. Diese Selbstverständlichkeit, die mir sagte, dass alles ist wie es ist, dass “man” ja doch nichts ändern kann und überhaupt: morgen gewinne ich bestimmt im Lotto….
Alles plätscherte vor sich hin und irgendwann stellte ich fest: ich hatte das Staunen und die Ehrfurcht verloren…

In dieser Zeit traf ich Mary…
…und wir beschlossen, zusammen zu verreisen.
Sie hatte noch nie eine große Reise gemacht, war noch nie geflogen und doch wollte sie sich mit mir in dieses aufregende Abenteuer stürzen!
Diese Zeit wurde auch für mich sehr besonders …

Mary saß klein, blass und irgendwie zusammengeschrumpft neben mir. Ihre Augen waren geschlossen, die Hände verkrampft.
Die Triebwerke heulten auf, das Flugzeug rumpelte und bewegte sich. Wir starteten.
Als wir schon eine Weile in der Luft waren, sagte ich: “Schau doch mal nach draußen, Mary – wie schön das alles von hier oben aussieht.”
Mary öffnete ihre Augen ein klein wenig, sah mich furchtsam an und fragte: “Sind wir denn schon gestartet??”
Ich war ganz perplex: “Ja klar. Wir fliegen doch schon!”
Sie riss die Augen weit auf: “Waaas? Das habe ich ja gar nicht mitgekriegt!”
“Wie, du hast das nicht mitgekriegt? Ach Mary, das geht doch gar nicht! Hast du das denn nicht gemerkt?”
Mary drehte sich zum Fenster und schaute hinaus. “Tatsächlich! Das gibt`s doch gar nicht! Wann ist denn das passiert?” Sie lachte erleichtert auf und erklärte mir dann, dass sie gedacht hatte, dass wir wie bei einem Raketenstart in unsere Sitze gepresst und kräftig durchgeschüttelt würden und dabei kaum atmen könnten!

Sie war unglaublich erleichtert, lehnte sich in ihrem Sitz vor und schaute aus dem kleinen Fenster. Und so sah ich für die nächsten zwei Stunden nur noch Mary`s Hinterkopf. Sie schaute und schaute und drehte sich nur hin und wieder zu mir um, wenn sie eine Frage hatte oder sie mir etwas zeigen wollte.
Wir waren mitten im Februar bei kaltem schmuddeligem Schneematschwetter von Paderborn aus gestartet. Da ich wusste, dass Mary nie wieder eine derartige Reise machen würde, hatte ich unseren Flug mit Umstieg auf Mallorca gebucht. Sie sollte so viel wie möglich von der Fliegerei haben.
Jetzt saß sie neben mir, staunend wie ein kleines Kind und ich hätte sonst was gegeben, ihre Gedanken lesen zu können.
Als wir durch die vielen Wolken flogen, die schwer und grau über der Erde hingen, sagte Mary: “Meine Güte! Was ein Nebel! Der hört ja gar nicht auf. Hoffentlich kann der Pilot überhaupt etwas sehen.” Ich erklärte ihr, dass das kein Nebel ist, sondern dass wir gerade durch die Wolken flögen.
Mary war empört!: “Wolken?! DAS sollen Wolken sein?? Wolken sehen doch aus wie Watte! Wieso sind die denn jetzt so dünn??” Sie starrte aus dem Fenster, die Nase dicht an der Scheibe. Ich konnte ihre die Enttäuschung direkt an ihrem Rücken ablesen und hörte sie vor sich hin grummeln: “Da denkt man ein Leben lang, wie toll es sein müsse, mal durch so dicke Watte zu fliegen und dann ist das nix anderes als Nebel! Also sowas!”

Als wir aber durch die Wolken stießen, versank sie förmlich in dem Anblick, der sich ihr jetzt von hier oben bot. Still schaute sie auf das dicke Wolkenmeer unter uns, die Sonne schien hell und der Himmel leuchtete in einem intensiven strahlenden Blau. Mary schaute lange.
Dann drehte sie sich zu mir herum und mit unsicherer Stimme fragte sie: “Sabine?….Das ist doch die gleiche Sonne wie wir sie unten haben?? Es gibt doch keine zwei…?”
Ich lehnte mich zu ihr hinüber und schaute ebenfalls hinaus – wie um mich zu vergewissern, dass dort wirklich nicht plötzlich zwei Sonnen waren: “Nein, Mary, es gibt keine zwei davon. Das ist die eine Sonne, die wir haben – nur manchmal können wir sie einfach nicht sehen, weil einfach zu viele Wolken davor sind.”
Ich wollte es ihr noch deutlicher erklären, aber Mary schaute schon wieder ganz fasziniert nach draußen. Und dann hörte ich sie sagen:
“So ist das oft im Leben…So vieles ist da, nur sehen können wir es nicht immer.”
An diese Worte musste ich noch oft denken: Wir müssen nicht alles sehen. Es reicht doch, zu wissen, dass es da ist.

Als wir uns Mallorca näherten, war es ein unglaubliches Glück, dass wir diese Insel in seiner ganzen Schönheit im Meer glitzern sehen konnten. Die Wolken waren verschwunden und stattdessen strahlte die Sonne auf das Wasser und ließ die Schaumkronen um die Insel herum wie kleine helle Blitze aufleuchten. Es sah atemberaubend aus und ich freute mich so sehr für Mary, dass sie das erleben durfte.
Sie war ganz hin und weg von dem Anblick und als die Insel näher kam, war sie kaum noch zu halten vor Freude! Sie strahlte und sagte immer wieder: “Oh wie schön! Oh wie wunderschön!”

Beim Umsteigen hielt sich das kleine Persönchen dann ängstlich an meiner Seite – so viele Menschen, so viel Gewusel! Lange Gänge, fremde Geräusche, andere Gerüche – still tippelte Mary neben mir her, beobachtete aber alles sehr aufmerksam. Dann ging es noch eine Treppe hoch, oben standen Bedienstete der Air Berlin und fragten nach unserer Weiterreise und als ich sagte: “Faro”, wiesen sie in eine der Richtungen und sagten uns zu welchem Gate wir müssten.
Dort angekommen, stellte Mary sich sofort wieder an das große Fenster und sah dem Treiben draußen zu: Flugzeuge fuhren an ihre Startpositionen, andere landeten, Servicefahrzeuge kreuzten deren Bahnen, Koffer wurden hin und her gefahren. Mary schaute und schaute. Einmal drehte sie sich zu mir um: “Wie im Leben”, sagte sie.
“Alles scheint durcheinander. Und doch gibt es einen großen Plan.”

Als wir wieder weiter gen Süden in den Himmel abhoben, lehnte Mary gelassen in ihrem Sitz und genoß das Vorüberfliegen der Landschaften. Sie lächelte.
Während des Fluges beobachtete sie dieses Mal staunend die adretten Stewardessen mit ihren schmalen Wagen für Getränke und kleine Speisen und all das Drumherum, das es in so einem Flugzeug gibt.
Als wir uns der Küste Portugals näherten und ich einen Blick nach draußen warf, konnte ich Unmengen von Feldern entdecken, die in kleinen, dunklen- und hellbraunen Quadraten und auch anderen Formen – noch unbestellt – unter uns in der Sonne lagen. Voller Vorfreude zeigte ich darauf und erklärte Mary, dass wir nun bald unser Ziel erreicht hätten. Sie schaute wieder eine ganze Weile zum Fenster hinaus und betrachtete die Landschaft. Sie sagte kein Wort.
Als sie sich endlich zu mir herum drehte, konnte ich deutlich sehen, wie so etwas wie Enttäuschung in ihrem Gesicht zu lesen war. “Huch”, dachte ich, “was ist denn jetzt los?” Ich wagte gar nicht, sie danach zu fragen… Aber Mary ließ mich nicht lange zappeln:
“Du, Sabine….?”
“Ja?”
“Das ist aber nicht so schön.”
“Was ist nicht schön, Mary?”
“Ja, guck doch mal….Portugal besteht ja nur aus lauter Steinen!”
“Was??”
“Na guck doch! Alles braune Steine! Überall!”
“Och Mary. das sind keine Steine. Das sind Felder. Die sind nur so klein, weil wir so hoch sind.”
Stille………………………………..
“Sabine?”
“Ja?”
“Sooo kleine Felder gibt es aber nicht! Das macht ja gar keinen Sinn!”
“Nein, Mary, die sind auch nicht klein. Die sind genau so groß wie bei uns.”
Dann versuchte ich, ihr das zu erklären. Und wurde das Gefühl nicht los, dass sie mir kein Wort glaubte.

Wir verbrachten wunderbar sonnige Tage, die immer wieder einige Überraschungen für uns bereit hielten. Für Mary und für mich.
Als wir eines Tages unseren liebgewonnen Spaziergang auf den Klippen hoch oben über dem Meer machten und wieder einmal die wunderschönen skurrilen Felsen, die unweit des Ufers im Wasser stehen, bewunderten, blieb Mary länger als sonst dort oben stehen. Sie war völlig in den Anblick dieser herrlichen Steinformationen versunken und ich hätte gerne mal wieder einen Taler für ihre Gedanken gegeben. Aber ich erfuhr, was sie beschäftigte-. Mary drehte sich langsam in meine Richtung, schaute mich mit ihren alten Kinderaugen an und sagte zögernd: “Ich weiß eigentlich, dass das Blödsinn ist….aber ich verstehe nicht, wie diese riesigen Steine hierher kommen können. Sie sehen so schön aus und sie passen so gut hierher! Aber wie haben sie das geschafft? Sabine….Steine können doch nicht wachsen??” Sie schaute wieder auf`s Meer und ich hörte ein leises: “Oder?”

Und Mary machte die Entdeckung der Sprache! Nichts war faszinierender für sie als den Menschen bei ihren verschiedenen Unterhaltungen zuzuhören. Sei es der Händler, der mit einem Kunden um die Ware stritt, eine Mutter, die lautstark auf ihr Kind einredete oder Menschen, die sich einfach nur irgendwo unterhielten – Mary war immer ganz gebannt von den Worten, die da hin und her flogen.
Beim allerersten Mal stand sie mit offenem Mund da und konnte nicht aufhören, die Menschen bei ihrer Unterhaltung mit großen Augen anzustarren. Sie war ganz aus dem Häuschen, richtig aufgeregt und fragte mich immer wieder, ob ich denn irgendetwas verstanden hätte! Ich sagte ihr, dass das portugiesisch sei und sie erwiderte felsenfest: “Das weiß ich auch! Aber das kann doch kein Mensch verstehen!”
Sie erklärte mir, dass sie sehr wohl wisse, dass es z.B. Englisch gäbe….aber sie hätte es noch niemals richtig gehört, außer vielleicht im Fernsehen…aber das hier wäre ja wohl  etwas ganz anderes! So ein Kauderwelsch!

Zuhause, in Mary`s Dorf und in ihrem eigenen Heim, war immer alles so adrett, sauber und ordentlich. Mary hasste Unordnung und ganz besonders sauber ging es natürlich in ihrer Küche zu. Außerdem aß sie nur, was sie kannte. Sie hatte noch niemals in ihrem Leben Pizza gegessen und bei Gerichten, die mit Käse überbacken waren, schüttelte es sic alleine bei dem Anblick des sich in die Länge ziehenden Käses….
Doch jetzt blieb Mary nichts anderes übrig, als ständig über ihren Schatten zu springen und immer wieder aufs Neue Dinge zu probieren, die ihr Zuhause nicht im Traum eingefallen wären. Dabei entdeckte sie, staunend wie ein kleines Kind, eine ganz neue Welt von Geschmäckern. Wir aßen Ziegenwurst, die im Restaurant über unseren Köpfen von der Decke herabhingen, gegrillte Hähnchen, die die Zigeuner über offenem Feuer geröstet hatten und viele verschiedene Fischgerichte und geschmorte Gemüsesorten. Ich war sehr überrascht wie selbstverständlich Mary sich durch all diese kulinarischen Köstlichkeiten probierte. Sie lächelte nur und sagte: “Scheinbar habe ich in meinem Leben so einige Dinge verpasst. Ich hole jetzt so viel nach wie ich kann und denke einfach nicht darüber nach.” Ich fragte sie, ob sie dann zu Hause auch mal Pizza probieren würde. Sie grinste und sagte ganz bestimmt: “Nein.”

Nach wunderbaren Tagen am Strand, in der Sonne und am Meer traten wir unsere Heimreise an.
Mary`s kleine Figur ging selbstsicher vor mir her an der Bord der Maschine, suchte sich ihren Platz und sank dann völlig entspannt in ihren Sitz. Bis zur Zwischenlandung auf Mallorca erzählte sie mir in den buntesten Farben von den Dingen, die sie in den vergangenen Tagen erlebt hatte und tat dabei so, als ob ich gar nicht dabei gewesen wäre. Jedes Detail fiel ihr ein – wer hatte was gesagt, wie hatte was geschmeckt und wo sie überall gewesen war und was sie gesehen hatte.
Beim Umsteigen auf Mallorca tippelte sie selbstsicher neben mir her und als der Service der Air Berlin fragte, wohin unser Weiterflug ginge, antwortete sie statt meiner: “Paderborn. Ich glaube, wir müssen dort entlang”, und zeigte auf einen der Gänge. Sie lag sogar richtig.

Nach unserer Heimkehr drückte die kleine zarte Mary mich ganz fest an sich, lachte dann über ihr kleines zerfurchtes sonnengebräuntes Gesicht und sagte:
“Ich weiß nicht was der Herrgott sich dabei gedacht hat, unsere Erde so schön zu machen. Aber halte deine Augen einfach weit offen, damit du alles sehen kannst.”  Ich versprach ihr, sehr viel aufmerksamer zu werden und unsere herrliche Welt nicht mehr nur mit den Augen, sondern auch mit meinem Herzen zu sehen.
Mary wusste nicht, dass sie mir auf dieser Reise einiges beigebracht hatte, nämlich – wie selbstverständlich wir alles nehmen und wie oft wir uns den kleinen Wundern einfach verschließen. Wir sind so vieles einfach schon gewohnt, kleine Dinge fallen uns gar nicht mehr auf und wir fordern einfach immer noch mehr.
Wir meinen ganz viel zu wissen und und hinterfragen kaum noch etwas…
Und natürlich ist uns klar, dass wir nur eine Sonne haben und dass Steine nicht wachsen können…
Oder?

:-)

……………………………………

 

 

 

 

 

 

 

2 Antworten
  1. Franziska von Schleyen says:

    Liebe Sabine,

    was für eine rührende Urlaubsgeschichte, für mich hat sie etwas von Antoine de Saint-Exupéry und Sergio Bambaren. Lasst uns mit den Schmetterlingen fliegen, auf ihren Flügeln getragen, ins Land der Träume, unbeschwert und leicht. Mit Sternenstaub bestäubt und glücklich…

    Love it – herzlichst Franziska von Schleyen

    Antworten

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