Das blaue Kleid …

Alter Baum

Sie steht vor dem Spiegel….

…..und betrachtet sich.  Ihre klaren blauen Augen lächeln ihr verschmitzt zu und mit einer Hand streicht sie sich diese eine vorwitzige Strähne aus der Stirn. “Das ist doch ein kleines bisschen verrückt”, denkt sie dabei, “so vieles habe ich schon hin bekommen in meinem Leben, aber diese eine Strähne hat sich nie von mir bändigen lassen”.  Die Frau dreht sich langsam hin und her und was sie in dem großen alten Spiegel sieht, gefällt ihr ausnehmend gut.  Das blaue Kleid doch noch mitzunehmen war eine gute Idee gewesen.  Sie hatte erst gedacht, dass es sich nicht lohnen würde, aber jetzt ist sie ganz glücklich darüber und sie freut sich wie ein kleines Kind, dass dieser Farbton auch noch so wunderbar zu ihren blauen Augen passt. “Herrlich”, denkt sie und wirft sich übermütig einen Handkuß zu.

“Ach, ich habe immer so gerne getanzt”, flüstert sie auf einmal und eine kleine Melodie aus frühren Tagen sucht sich einen Weg auf ihre Lippen. Leise summend wiegt sie sich hin und her, das blaue Kleid schwingt sogar ein bisschen und langsam hebt sie ihre Arme. In Gedanken versunken schließt die Frau ihre Augen und beginnt zögernd, sich im Kreise zu drehen. Glückseligkeit durchflutet sie und wie ein Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln in seine Freiheit fliegt, tanzt sie mit erhobenen Armen ganz leise um sich selbst.

Und dann, ganz plötzlich, muss sie stehen bleiben, das Herz klopft wie wild und ihr Atem geht stoßweise und schwer. “Du Dussel”, schimpft sie atemlos vor sich hin. “Wie kann man nur so unverbesserlich sein. Vergiss es ganz einfach, diese Zeiten sind endgültig vorbei!” Wehmütig wirft sie noch einen letzten Blick auf ihr Spiegelbild, auf ihr schönes blaues Kleid und greift dann nach ihrem Mantel. Sie muss los. Sie braucht für diesen Weg jetzt schon immer so lange und wenn sie sich nicht anstrengt und sich beeilt, dann ist es dunkel bevor sie zurück ist.

Als sie sich endlich den Mantel übergestreift hat, geht sie vorsichtigen Schrittes bis zur Haustür, öffnet diese und schaut auf die drei Stufen, die hinunter zum Gehsteig führen. “Ich nehme lieber den Stock mit”, denkt sie, “denn ich bin immer noch ganz außer Atem”.  Stufe um Stufe tastet sie sich die Stufen hinunter. Auf dem Gehsteig angekommen, dreht sie sich noch einmal um und schaut die Straße hinunter, die nun schon fast ihr ganzes Leben lang ihre Heimat ist. Eine hochgewachsene junge Frau mit blonden Haaren und in einem wunderschönen blauen Kleid winkt ihr strahlend und voller Lebenslust zu.

“Hirngespinste”, denkt die Frau in dem Mantel und dreht sich energisch in die Richtung, in die sie nun gehen muss. “Hirngespinste. Mit 83 Jahren tanzt man nirgendwo mehr hin”. Sie senkt den Kopf und schlurft los. Doch eine Träne löst sich ganz sachte und rollt ihr über die alte eingefallenen Wange. Sie tropft auf den Gehweg und hinterlässt eine namenlose Spur in die Vergangenheit…..

sunnysmile

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