Ich wollte doch so viel in meinem Leben erfahren, machen, riskieren, erleben. Nach 54 Jahren wird es nun endlich Zeit damit anzufangen. Es sind nur noch 29cm!

Der Plan

Meine aktuelle Position

Die sehen Sie auf der schönen Karte von Deutschland. Meine Position ist mit dem Symbol markiert.

1200 Kilometer!

quer durch Deutschland, zu Fuß, ohne jegliche Erfahrung, mit nur einem Rucksack und einem Monat Zeit.

Mein Plan ist es, von Süddeutschland, in 35 Tagen bis nach Flensburg in Norddeutschland zu gehen. Ich nehme nichts zu essen und zu trinken mit, kein Geld und kein Zelt – nur das Vertrauen und den Willen, anzukommen. Ich werde die Strecke weitestgehend zu Fuß zurücklegen, in der Natur übernachten und auch versuchen, meine Nahrung dort zu finden.

Normalerweise weiß ich nicht wie man ein Feuer macht, noch kenne ich mich mit dem Aufschlagen eines anständiges Lager aus oder habe irgendeine Ahnung, was ich an Essbarem finden kann. Wie ich ohne Schutz, Nahrung, Strom, fließend Wasser und sozialem Umfeld da draußen überleben soll – weiß ich nicht. Was da draußen vor sich geht, ist mir völlig neu und fremd.

Doch ich werde mich auf die Suche machen – nach Menschen, die mir weiter helfen, die freundlich sind und die mit mir reden. Für die Menschlichkeit mehr als nur ein Wort ist.

Denn ganz ohne Hilfe werde ich das nicht schaffen.

Ich und meine Motive

Über mich

Ich bin eine normale Frau von nun 54 Jahren, die die letzten 30 Jahre damit verbracht hat ihr Leben möglichst bequem und einfach zu gestalten. Arbeit, Familie und Sofa, unregelmäßiges und nicht besonders gesundes Essen, jahrelanges rauchen, eine große Portion Faulheit und Bequemlichkeit (ohne mein Auto fühle ich mich wie ein halber Mensch, ich gehe ja nicht einmal zu Fuß zur Post) und kein Sport bescherten mir viel zu viel Körpergewicht.

Meine Knochen sind auch nicht mehr die besten wie ich jeden morgen an meinen Fußgelenken und an meinem Rücken zu spüren bekomme, die Knie fangen auch an zu meckern und überhaupt – irgendwie bin ich einfach “eingerostet”.

Dennoch bin ich im Großen und Ganzen gesund. Glück gehabt.

Ich war 26 Jahre verheiratet – die Ehe war “normal” – mein “Mann” und ich haben ihr Ende irgendwann gemeinsam entschieden; wir sind immer noch miteinander befreundet - Ich habe zwei erwachsene Söhne, mit denen mich sehr viel verbindet – sie leben ihr eigenes kraftvolles Leben und ich liebe sie wie verrückt - Und ich habe einen Job, der mir wirklich Spaß macht und mir meine Freiheiten lässt.

Auch Glück gehabt? Nein, an diesen 3 Dingen haben wir arbeiten müssen. Und jetzt? Kommt da noch was?

Ich bin 54 Jahre alt…..

Im Heutigen Zeitalter verlieren wir uns im Überangebot der Konsumgüter und der Medien nur zu leicht. Wir alle kennen Facebook und die meisten von uns sind tagtäglich im virtuellen Netz unterwegs ..und haben dabei dennoch festgestellt, dass Menschlichkeit durch nichts zu ersetzen ist. Viele von uns haben das Gefühl einmal ausbrechen zu wollen, etwas zu bewegen, oder aber auch einfach nur einen kleinen Denkanstoß zu geben!

Ich bin so jemand. Ich will für eine Weile ausbrechen – mitten in Deutschland.

Und ich will die netten “Facebook-Menschen” suchen.

Meine Motive
Ich habe vor einiger Zeit ein Seminar mitgemacht – da gab es für jeden ein Zentimetermaß; 100 cm lang. Zuerst sollten wir vorne die ersten Zahlen wegschneiden, die unserem jetzigen Alter entsprechen – das war bei mir damals die 52. Die ersten 52 cm weg. Und da man im Normalfall keine 100 wird, sondern die Frau z.B. durchschnittlich 83, gingen hinten nochmal 17cm flöten. Weißt du wie kurz 31cm sind, die dann noch bleiben???

Da war mir, als steckte ich kopfüber in einem Eimer voll Kleister.

Der Schock, mein kleines Stückchen Leben so in der Hand zu halten, ging tief. Sehr tief. Diese restlichen kleinen Zentimeter gingen mir nicht mehr aus dem Kopf – sie begleiteten mich und beschäftigten mich und jeden Tag dachte ich: “Oh Gott, schon wieder was weg von meinem kleinen verbliebenen Stückchen Leben”. Und ich begann mich zu fragen, wo alle meine Träume abgeblieben waren. Ich wollte doch die Welt bereisen. Ich wollte mal eine Expedition mitmachen. Ich wollte Menschen helfen.  Ich wollte mal richtig schauspielern. Ich wollte Sprachen lernen. Ich wollte richtig toll tanzen lernen…ich wollte doch die Welt verändern…

Ich bin nicht unglücklich, mein Leben verläuft “normal” mit Höhen und Tiefen – ich mache einen guten Job, zu meinen beiden erwachsenen Jungs habe ich ein tolles Verhältnis, ich bin “zufrieden” geschieden und in der Lage mein Leben alleine zu meistern. Aber ich bin auch ein Meister im Verdrängen und Schönreden – und so Dinge wie Facebook sind dafür bestens geeignet. Ich kann auf Teufel komm `raus posten :z.B.  ganz tolle Sprüche und Weisheiten, die die Welt verändern und ich teile Geschichten über Menschlichkeit wie kein Zweiter: Wenn in Russland einer Entenfamilie über eine 6spurige Straße geholfen wird, bin ich dabei und wenn ihr mir eine Geschichte über Freundschaft, Vertrauen oder Liebe gebt, dann gebe ich sie mit Tränen in den Augen auf Facebook weiter. Zeigt mir Bilder von gequälten Tieren und ich heule und schüttel mich und will gar nicht hin sehen und poste all die schrecklichen Bilder—-

Und eines Tages sitze ich da und denke: “Was für ein verlogener Mist!” 

Wir alle posten was das Zeug hält, immer dasselbe und dann gehen wir `raus und beim ersten Bettler wechseln wir schon mal die Straßenseite – ist ja doch irgendwie peinlich, ihm nichts zu geben;  die erste Omi, die an der Kasse ihr Wechselgeld nicht so schnell `raus kriegt wird ungeduldig angeglotzt; der Autofahrer an der grünen Ampel wird ärgerlich weggehupt, weil wir so verdammt wenig Zeit haben und dann kaufen wir uns abgepacktes Fleisch von eben diesen gequälten Tieren die wir so schön gepostet haben….usw…..usw… In meinem Job komme ich viel herum, lerne viele Menschen und Lebenssituationen kennen und ich kriege mit, dass viele Menschen einfach “festhängen” – sie hängen fest in ihrer Story und in ihrem Leben.

Z.B. sind da die vielen, sehr vielen Frauen, die einfach die “Stellung” halten, weil sie sonst nichts mehr haben, wenn sie gehen. Sehr oft haben diese Frauen – wie ich – mit ihren 400Euro-Jobs die Familie jahrelang am Leben gehalten oder dadurch dafür gesorgt, dass mal ein Urlaub drin ist. Und wenn sie dann ihren Partner verlassen, ist ihre Altersversorgung weg.

Männer haben oft die gleichen Gründe.

Sie harren oft sogar einfach aus, in der Hoffnung, dass von außen etwas kommt, das dann in ihrem Inneren etwas verändert. Einige sind verbittert, manche kranke, ganz viele resigniert. Und wenn sie nichts mehr für sich selbst empfinden, wie sollen sie es dann für andere? Facebook sei Dank hat man ja noch “Freunde” – da kann man ungeniert liken.

In der realen Welt wird nicht “gelikt” – da wird gemeckert.

Also – was tun??

Die Idee

Einfach mal ausbrechen, neues probieren, Abenteuer erleben, alles abschütteln – aber das geht ja nicht; der Job, die Familie, das fehlende Geld und überhaupt- was für absurde Gedanken. Was soll man denn tun? Was kann man tun? Was kann ich tun?

Ich habe mal gelesen: Finde deine besonderen Fähigkeiten und dann lebe sie. Na toll! Was für besondere Fähigkeiten habe ich denn schon? Ich weiß, dass man mir gerne zuhört wenn ich rede. Und was soll ich damit anfangen? Ich bin schon über 50 – was soll denn da noch kommen? Ich kann doch nichts ändern – WIE DENN?? Ich würde am liebsten meine Lebensgeschichte neu schreiben oder wenigstens den Rest davon. Ich habe das Gefühl, ich hätte noch etwas zu sagen.

Oder einfach mal WAS MACHEN! AUFRÜTTELN! WACHRÜTTELN! Aber ich habe keine Idee.

Dann lernte ich Joey Kelly kennen und er gab mir sein Buch, in dem er seinen Deutschlandlauf beschreibt: “Hysterie des Körpers”. Als ich zu lesen begann, dachte ich: “Na ja, wer`s braucht…… Dann dachte ich: “Das ist unmöglich zu schaffen”. Nach ca. 20 Seiten dann: “Das mache ich auch”. Dieser eine Gedanke – setzte sich sofort fest. Richtig fest. Ich bin noch nie weite Strecken gelaufen – früher mal gejoggt ja; das ist 30 Jahre her – aber heute? Ich will laufen. Ich will Joeys Strecke nachlaufen. Aber mir ist auch sofort klar, dass ich nicht auch noch klettern kann wie er -Joey ist am Ende seiner Tour auch noch auf die Zugspitze gekrabbelt. Dann laufe ich dafür eben weiter. Genau.

Vom Süden bis ganz in den Norden.

Geht das?

 

Die Route

Am 17.07. fahre ich mit der Bahn nach Oberstdorf, übernachte dort noch einmal “ordentlich” und werde am 18.07. am Morgen meine Tour starten.

Die Route ist im Großen und Ganzen geplant – es geht über den Iller-Radweg nach Ulm, von dort über die Hohenloher Ostalbroute nach Rothenburg o.d. Tauber, dann an Würzburg vorbei bis Schweinfurt, ein großes Stück durch den Thüringer Wald und  bis nach Göttingen, von dort folge ich größtenteils dem Leine-Heide-Radweg  durch Hannover bis nach Schneeverdingen – dort verlasse ich die Route, da ich nicht durch Hamburg durch will – und gehe westlich bis Buxtehude, setze dort über die Elbe und mache mich dann von dort aus Richtung Flensburg – mit großen Stecken über den immer noch größtenteils ursprünglichen “Ochsenweg”, eine uralte Handelsroute, die bis nach Flensburg führt.

So, das ist geplant – ABER da ich ja überhaupt keine Ahnung habe, was mich tatsächlich jeweils vor Ort erwartet, sind natürlich Änderungen jederzeit möglich. Route, Wetter, Menschen, die mir begegnen, meine Verfassung – das sind Faktoren, die in keinster Weise abzuschätzen sind.

Diese Route steht  – so habe ich immer eine Orientierung.

 

Die Vorbereitung

Da ich irgendwie 35 Tage überleben muss, war meine Überlegung, dass ich meine Ernährung erstmal auf vegan umstelle – da draußen kriege ich ja nix außer Blüten und Blättern. Das habe ich im Oktober 2013 gemacht und vorhergehend auch eine komplette Blutuntersuchung durchführen lassen, um zu schauen, ob mit mir gesundheitlich auch wirklich alles okay ist und wie sich die Werte durch diese Ernährung eventuell verändern. Im Januar habe ich angefangen, meine Knochen und Muskeln ein bisschen auf Trab zu bringen, was mir natürlich sehr schwer fällt – jahrelanges Nichtstun hat seinen Tribut gefordert… Und ich gehe hin und wieder Strecken. Erst kürzere, aber jetzt werden sie auch schon mal länger. 12 km, 14 km.. Mir tut danach alles furchtbar weh. Ich merke Muskeln, Sehnen, Bänder, Knochen…ab Taille abwärts…und meine Füße…ich will nicht drüber reden. Und  ich denke daran, dass ich mindestens das 3fache davon am Tag laufen muss, um die Strecke zu bewältigen. Mindestens 35 Tage lang…

Ich kann leider nicht jeden Tag los rennen – ich muss auch noch arbeiten gehen.

Ich lese über Pflanzenkunde – da ich unbedingt lernen muss, was ich da draußen essen kann und wo ich es finde; ich gucke mir immer wieder Videos auf Youtube an – über das  Feuer machen und Schlafplätze bauen, über Wasserfilter, Rucksäcke und Messer, über richtiges Verhalten wenn dies und wenn das…., ich lerne alles über Wasser, welches ich eventuell trinken darf und wie ich mir behelfen kann …und und und —-und das ist alles Theorie……

Ostern war ich mit einem meiner Söhne zum ersten Mal da draußen; im Eggegebirge ging es die Hänge rauf und runter, auf rutschigem Laub, über Schotterwege und durch Matsch; mit 12kg Gepäck auf dem lädierten Rücken und bewusst ganz wenig Nahrung. Nach 20km war bei mir Feierabend. Ich wusste nicht, dass nur noch 10m bergan unmöglich werden können. Wir mussten am Hang übernachten – hatten aber Glück, dass Jan ein kleines Plateau zwischen ein paar Felsen fand.

Lager bauen, Feuer machen (alles war feucht und nass) und dann bei 3 Grad auf dem Waldboden übernachten – Plane oben drüber, Plane auf dem Boden, Schlafsack; die supertolle selbstaufblasbare Matratze hatte genau für die erste halbe Stunde Luft :-)

….am nächsten Tag wieder los….

….die Vorbereitungen gehen weiter….

 

Meine Ängste

Ich werde doch wohl diesen behäbigen  Körper dazu bringen, das zu schaffen. Es ist noch nicht vorbei mit dem träumen. Meine Knochen sind noch nicht zu morsch und mein Wille noch nicht zu klein. Wenn mein Wille groß genug ist, kann ich über mich hinaus wachsen? Kann ich meinen Körper und meinen Geist bezwingen? Kann ich 1200 km einfach so laufen, kann ich Hunger überhaupt aushalten? Ich weiß noch nicht mal was Hunger ist.

Und wenn ich mich bezwingen kann, können andere das dann auch? Kann man wirklich  einfach so über sich hinaus wachsen? Wie ist das denn, wenn man mir alles weg nimmt?  Meinen Komfort – fließendes Wasser, Strom, Schutz, Nahrung…kann ich das überleben? Ich habe doch gepostet: “Back to the roots”. Zurück zur Natur. Menschlichkeit. Menschsein.

Geht das?

Seit Monaten beschäftigen mich diese Gedanken. Und ich habe festgestellt: ich habe Angst im Dunkeln. Nicht hier drinnen, wenn das Licht aus ist -nein, draußen, wenn die Geräusche so laut werden wie Böllerschüsse.

Und ich mag keine Insekten. Nicht an mir und nicht in meinen Klamotten und bitte bitte überhaupt keine Spinnen. Und meine Fußgelenke tun morgens immer so weh- die muss ich immer erst “einlaufen, genauso wie mein Rücken – der ist auch nicht mehr der beste – wenn der falsch liegt, meckert er mindestens einen halben Tag `rum. Mit der Orientierung habe ich es auch nicht so – ohne Navi geht eigentlich nichts. Ich wollte uns mal aus einem Wald heraus führen – hat nicht geklappt. Und ich hab`s nie wieder versucht. Es könnte schief gehen. Es können Dinge passieren, die ich jetzt noch gar nicht überblicken kann. Es könnte auch sein, dass ich sage: “Bis hier hin und nicht weiter”.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass das eine richtig große Hausnummer ist und ich habe auch Angst. Aber ich möchte versuchen, meine Grenzen zu sprengen. Mit meinem ganzen Mut und mit meiner ganzen Kraft möchte ich zeigen, dass es möglich ist, sich Ziele zu setzen und sie zu verfolgen – ich möchte zeigen, dass es sich lohnt zu kämpfen – und ich möchte andere daran Anteil haben lassen – ich möchte sagen können:

”DIESE REISE WAR ES WERT ANGETRETEN ZU WERDEN!”