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Runter vom Sofa und ab ins Leben

Warburg. Einen Monat lang ist Sabine Marthiensen durch Deutschland gewandert – ganz allein und ohne Geld. Dabei habe sie viel über sich selbst, aber auch über das Leben gelernt, sagt sie. „Und ich würde es wieder tun“.

„Man müsste mal“, das habe sich die Volkmarserin oft gesagt. Ein Seminar hat Sabine Marthiensen dazu gebracht, endlich aus dem „man müsste“ ein „ich mache“ zu formulieren. Und das kam so:

„Im Seminar lagen lange Papierstreifen auf den Stühlen“, erinnert sich die 54-Jährige. Beim Aufheben erkannte sie, dass es Maßbänder waren. „Wir sollten uns vorstellen, dass jeder Zentimeter ein Lebensjahr sei und die Streifen unserem Alter entsprechend kürzen“, so Marthiensen. Und plötzlich war der Papierstreifen nur noch halb so lang. Am anderen Ende kürzte sie noch einmal 17 Zentimeter, schließlich werde jede Frau durchschnittlich nur 83 Jahre alt: „Und plötzlich war aus dem langen Papierstreifen ein Schnipsel geworden“.

Ein einschneidendes Erlebnis für die damals 51-Jährige. „Das hat mich sehr beschäftigt. Das hing fest in meinem Kopf“, sagt sie heute. Sie fing an, ihr Leben zu resümieren: „Habe ich mich um meine Jugendträume gekümmert?“ War sie mutig genug, um nicht nur zu funktionieren, sondern auch gegen den Strom zu schwimmen?

„Es hat schon einige Zeit gebraucht“, erinnert sie sich. Aber dann hat sich vieles in ihrem Leben geändert. Dazu gehörte auch die neue Herausforderung, einmal längs durch Deutschland zu wandern.

Dass Marthiensen Ahnung vom Zelten hat, war doch sicher eine Voraussetzung? „Ich bin kein Outdoor-Freak“, gesteht sie. Vor ihrer Wanderung habe sie sich nicht einmal damit ausgekannt, wie man Wäsche im Fluss wäscht, ein Zelt richtig aufbaut oder welche Orte sich am besten zum Campen eignen. So sind gleich in der ersten Nacht Nacktschnecken auf all ihren Sachen herumgekrochen. „Und die Schneckenspur bekommt man mit ein bisschen kaltem Wasser nicht richtig weg“, erklärt Marthiensen. Also musste sie sich in der Fremde eine Möglichkeit zum Waschen suchen.

In einem Schwimmbad, sie hatte zum Glück einen Badeanzug dabei, nahm sie ihre Kleidung mit unter die Dusche und konnte sie so sauber bekommen. „Und die ganze Zeit habe ich mich gefragt, was die Leute wohl denken“, gesteht sie. Richtig unangenehm seien die Blicke gewesen, „als würden dich 100 Augen anschauen“. Und dann sei ihr klar geworden: „An meinem Rücken erkennen sie nicht, wer ich bin“. Es seien vielmehr ihre eigenen Gedanken, die sie auf andere übertrage. „Kann ja sein, dass die etwas ganz anderes gedacht haben. Und mich gar nicht so negativ sahen, wie ich dachte“, gesteht sie sich heute ein.

Im Laufe ihrer Wanderung von Obersdorf nach Flensburg stellte sich schnell heraus, dass nicht alles so verlief, wie Sabine Marthiensen das im Vorfeld geplant hatte. Eigentlich wollte sie die gesamte Strecke zu Fuß zurücklegen, immer auf Radwegen laufend: „Aber allein der Tag im Schwimmbad, die Sachen mussten ja trocknen, hat mich sehr weit zurückgeworfen“. Also konnte sie die 1.200 Kilometer Fußweg, die sie sich vorgenommen hatte, nicht schaffen. „Die Frage war nur, ob ich meine eigenen Vorgaben ändern konnte oder ob ich aufgebe“, erinnert sie sich.

Anstatt die Wanderung enttäuscht abzubrechen, improvisierte die Volkmarserin. Etwa 600 Kilometer ist sie zu Fuß gelaufen, teilweise wurde sie im Auto mitgenommen. Die komplette Strecke hätte sie wohl auch aus gesundheitlichen Gründen nicht geschafft. „Ich schaute auf meinen Fuß und der ganze Socken war rot“, so Marthiensen. Sie hatte sich die Füße nach wenigen Tagen kaputt gelaufen, wickelte sich Tücher darum und versuchte in sogenannten Barfußschuhen weiterzukommen. 18 Kilogramm Gepäck, dazu ein ungeübter Körper, das konnte nicht gut gehen, weiß sie heute.

Auf ihrem Weg wurde sie mehrfach von Menschen angesprochen, die ihre Wanderung mit den kaputten Füßen nicht mit ansehen konnten. Eine Frau rief ihr aus ihrem Garten zu: „Willst du nicht erst mal rein kommen und Kaffee trinken?“ Aus dem einen Kaffee wurde eine Verarztung der Füße und ein Nachtlager. Um die verlorene Strecke aufzuholen – es fehlten noch 40 Kilometer Tagesmarsch – fuhr die Frau sie am nächsten Tag die fehlende Strecke.

„Die meisten Menschen, die mich aufgenommen haben, hatten selbst nicht viel“, erinnert sie sich. Und trotzdem waren sie immer gastfreundlich. Jede zweite Nacht etwa hat Marthiensen draußen geschlafen. Eine Plane sollte sie vor Regen schützen, ein richtiges Zelt hatte sie nicht dabei.

Angst habe sie während der Zeit selten gehabt. „Als Frau fürchtete ich mich nie, aber als Mensch manchmal schon“, sagt sie. Zum Beispiel hatte sie Angst, dass jemand sie für einen Obdachlosen halten könnte und „einfach mit einem Knüppel auf die Plane einschlagen“ könnte, um sie zu vertreiben: „Ich bin immer tiefer in die Wälder zum Schlafen gegangen“.
Die anderen Nächte schlief sie sicher in den vier Wänden von Freunden. Viele Arbeitskollegen wohnen über Deutschland verstreut: „So habe ich oft ein Nachtlager gefunden“.

Im Juni möchte Marthiensen die Menschen besuchen, die ihr auf der Strecke geholfen haben. Mit vielen hat sie noch immer Kontakt. Wie mit der Frau, die ihr eine Tasse Kaffee und ein Nachtlager anbot, oder Daniel, der wie Gott leben wollte, und weder Strom noch fließendes Wasser hatte. Und natürlich bei den Arbeitskollegen, die so nett geholfen hatten. Eine solche Wanderung würde Marthiensen noch einmal machen, „vielleicht durch Südeuropa oder Thailand“, sag sie. Denn eines hat sich bis heute im Kopf verhaftet: „Das Leben sollte bunt sein, es sind schließlich nur ein paar Zentimeter.“

Autorin: Katharina Georgi

Quelle: NW – Warburg